Optomechanik
Modell der Darstellung der Abbildung eines Dürherrschen Neunauges

Das Dürrherrsche Neunauge in verkleinerter Lebensgröße

Das Dürherrsche Neunauge  wurde  viele Jahre lang zur Gattung der Projektionstische gezählt, da nur wenige Fragmente der ursprünglichen Apparatur auf uns gekommen sind. Zahlreiche Elemente der ausgestellten Modellabbildung mussten daher im Rahmen langwieriger theoretischer Studien und Archivforschungen mühsam rekonstruiert werden und ermöglichten so eine, wenngleich zunächst lückenhaft bleibende Rekonstruktion des Dürherrschen Apparates, der heute zur Gattung der Katalyttische gerechnet wird.

Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde bei Aufräumungsarbeiten in ehemaligen Werk- und Wohnräumen Fragmente einer bislang unbeschriebenen Apparatur entdeckt. Für die Rekonstrukteure war es keine leichte Aufgabe auf den ursprünglichen Verwendungszweck der Maschine zu schließen, da lediglich Überreste des metallischen Tragwerks erhalten geblieben waren. Zunächst wurden die verschweißten Eisenrohre von verschiedenen Seiten für Teile eines stabilen Tapeziertisches gehalten, während andere Forscher hinter der eigentümlichen Konstruktion einen tieferen Sinn vermuteten. Erschwert wurde die Interpretationsarbeit zusätzlich durch die, seinerzeit nur unzureichend durchgeführte Bestandsaufnahme und Dokumentation der Fundstelle. Neuen Elan erhielt die Rekonstruktionsarbeit aber vor einigen Jahren, als Mitarbeiter des Instituts für theoretische Darstellung in Hanzholm Zusammenhänge zwischen den Dürherschen Theorien und frühen Prä-Optomechanischen Quellen nachweisen konnten.

Alberhardt Dürherr (1471 - 1528) war nicht nur nach historischen Quellen ein “umfassender Geist”, sondern lebte darüber hinaus in einer Zeit, in der Darstellung und Abbild einerseits noch tief in mittelalterlicher Tradition verwurzelt waren, andererseits aber schon die Unruhen einer Übergangszeit wetterleuchteten. Er  hatte in der Werkstatt von Mikæl Wollgemutt nicht nur Zeichnen und Stechen gelernt, sondern hatte auch in Nürnberg geheiratet und war auch nach Venedig gefahren. Es verwundert daher wenig, dass er nicht nur Abbilder und Darstellungen verfasste, sondern auch noch Lehrbücher und Abhandlungen schrieb, so dass die Nachwelt sein Werk als “vielseitig in Themen und Technik” beschreibt.

Während sich Dürherrs phonetischer Namensvetter mit Fleiß und Einfallsreichtum der Zentralperspektive hingab, die sich Alberti 1435 in seinen Versuchen zu einer mechanisch richtigen Wiedergabe und in seiner Abhandlung über die Malerei  zu eigen gemacht hatte und die, wie R. Arnheim sie in Kunst und Sehen beschreibt, “eine so gewaltsame und komplizierte Verformung der normalen Gestalt der Dinge” ist, “dass sie erst als Endprodukt ausgedehnter Untersuchungen und als Reaktion auf ganz bestimmte kulturelle Bedürfnisse zustande kam”, konzentrierte sich Alberhardt Dürherr jedoch auf Phänomene der Poly­perspektive und auf Fragen der optischen Divergentik.

Zeitgenössischer Stich eines Apparates zur Erzeugung zentralperspektivischer Illusionen.

Strukturskizze des Dürherrschen Neunauges in einer zeitgenössischen Rekonstruktion.

Der klassische zentralperspektivische Mechanismus basiert auf der Fixierung eines unveränderlichen Betrachterstandpunktes, von dem aus der Betrachter die Welt durch ein kleines Loch betrachtet. Auf einer senkrechten Platte zeichnete er sogleich die Umrisse nach und konnte so Projektionen komplizierter Verkür­zungen (Zusammenfassungen) und Verschneidungen erzielen. Dürherr hatte schnell erkannt, dass dieses Verfahren im Vergleich zur ägyptischen und der ebenso verbreiteten isometrischen Perspektive, zwar bei weitem den realistischsten Bildeindruck erzeugt, nicht aber gleichsam auch auf tatsächlichen Wahrnehmungserfahrungen beruht. Verunsichert durch diese Beobachtung und durch seinen, schon in frühster Kindheit erlangten Zweifel, wollte er mit Hilfe seiner Maschinen Darstellungen von Theorien erzeugen, die Wirklichkeit entsprechend tatsächlicher Wahrnehmungserfahrungen, interpretierend sichtbar machen.

Dürherr, ganz Mann seiner Zeit, war zwar mit dem einen Bein noch ganz der Idee eines traditionellen Kontinuums verhaftet, erkannte aber mit dem anderen Auge, stante pede, dass den Zeiten einer Darstellung immer komplexer werdender Zusammenhänge mittels der zentralperspektivischen Flucht-, oder Verschwindepunkten, wie die Konvergenzpunkte der Hilfslinien auch genannt wurden, schon bald, nomen est omen, das letzte Stündlein schlagen würde. Von zahlreichen Chronisten wird es daher als Zeichen von Charakterstärke, Mut und ökonomischer Unfähigkeit angesehen, dass Dürherr seine Einsichten in praktische Theorien umsetzte, statt an einem billig gewordenen Gerüst starrer Prinzipien festzuhalten.

Ausschlaggebend für den Fortgang seiner Forschung zeigte sich dabei nicht, wie oberflächlich naheliegende Interpretationen seines Werkes nahelegen wollen, die Verwendung mehrerer Betrachterstandpunkte, sondern vielmehr seine These, dass die Darstellung und Entwicklung von Perspektiven nicht von der Konstruktion eines, oder mehrerer Fluchtpunkte abhänge, sondern statt dessen die Annahme, dass Darstellungen als Ausgangspunkte aufzufassen seien.

Auch wenn Dürherr weiterhin mit der seinerzeit üblichen Trinität (Projektions­objekt - Projektor - Projektionsfläche) experimentierte, hatten seine Modelle schon nach kurzer Zeit nur noch wenig mit den zentralperspektivischen Bildwerken, wie sie gerne für feierliche oder sakrale Darstellungen benutzt wurden gemein. Seine Thesen besagten, dass die Erfindung der Zentralperspektive zwar die Möglichkeiten der Illusion stetig voran treiben würde, dies jedoch keinesfalls gleichsam eine Erweiterung der Analyse von Wirklichkeit nach sich ziehen müsse. Die Geschichten der Darstellungsforschung belegen bis in die Gegenwart seine frühen Vermutungen, nach denen inhaltliche Aussagen durch technische Reproduktionsfähigkeiten ersetzt und Eindruckschinderei die Stelle eines gestaltenden Ausdrucksstreben einnehmen werden würde. R. Arnheim schrieb dann auch einige Jahrhunderte später: “Die Entdeckung der Zentralperspektive zeugt von einer gefährlichen Entwicklung im westlichen Denken. Sie kennzeichnet eine wissenschaftliche Vorliebe für das mechanische Reproduzieren und für die geometrische Konstruktion auf Kosten schöpferischer Bildvorstellungen.” und etwas weiter unten: “Trotzdem haben die Verlockungen der mechanischen Genauigkeit seit der Renaissance nicht mehr aufgehört, die europäische Kunst in Versuchung zu führen, besonders in der mittelmäßigen Einheitsware für den Massenverbrauch.”

Durch langjährige Naturverdächtigungen angestachelt und durch ausgedehnten Studien primitiver Wirbeltiere aufgebracht, erschien Dürherr das Vorbild der Neunaugen, jener knochen- und wirbelsäulenlosen Wanderfische, eines Abends, gänzlich unerwartet, vor seinem inneren Auge nicht nur als analogum majestatix einer zentralperspektivische orientierten Darstellungs- und Rezeptionsgesell-
schaft, sondern
auch als Name für seinen ersten Katalyttisch.